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Stadtmauer und Wachtürme

Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts konnte des Nachts kein Fremder in der Stadt Einlass finden: die Tore waren verschlossen und untereinander durch hohe Mauern verbunden. Erst der Abbruch des Blauen Turms im Jahre 1809 sprengte den Ring und als dann nach und nach auch die übrigen Tore verschwanden, da war Landshut von der allseits umschlossenen zur offenen Stadt geworden.
Verschiedene Bauzeiten gaben den Verbindungsstücken zwischen den Stadttoren ein recht verschiedenartiges Aussehen.

Beginnen wir unseren Rundgang beim Inneren Isartor!

Erst spät verband man dieses Tor mit dem gleichaltrigen Zerrertor durch eine hohe Mauer; vor 1447 diente die Isar als Schutz des Gestades, der Unteren Länd.
Sechs gezinnte Wehrtürme waren dieser sägeförmigen Mauer eingefügt, deren Teilstücke jeweils von der hinteren Kante eines Wehrturms ihren Anfang nahmen und mit der Vorderkante des nächsten flussabwärtigen Turmes abschlossen. Diese Anordnung von Mauer und Turm ermöglichte ein seitliches Bestreichen jedes Mauerabschnitts ohne Gefährdung der eigenen Anlagen. Ein letzter Rest dieser Mauer hat sich am Orbankai nahe dem Blatternhauskirchlein zum Hl. Rochus, dessen Frieden sie jahrhundertelang behütete, bis heute erhalten. Älter als dieses Mauerstück dürften die Reste jener Mauer sein, die das Kapuzinertor mit dem Hagrainer Tor und dieses mit dem äußeren Trausnitztor verbanden. Beide Mauerzüge wurden notwendig durch die Gründung der Freyung und weisen damit die Jahrzehnte nach 1338 als ihre Entstehungszeit aus.

Fünf wuchtige Türme, die in ihrer Form ganz dem Kapuzinertor glichen und ihm an Höhe nur wenig nachstanden, waren dem geschwungenen Mauerstück vom Kapuzinertor zum Hagrainer Tor eingefügt, das an Höhe alle übrigen Mauerzüge weit übertraf. Ihre nach innen schräg vorspringende Abdachung erreichte die Firsthöhe eines zweistöckigen Hauses. Nur das letzte Mauerstück, das in das Hagrainer Tor einmündete, war um ein Beträchtliches niederer, so dass, wenn man das Hagrainer Tor im Modell von außen betrachtet, die linke Mauer höher erscheint als die rechte, die vom Kapuzinertor herführt.

Noch heute zeigt ein langes Stück dieser Mauer die Grenze des Dominikaner-Klostergartens an, an Höhe freilich nur mehr ein Bruchteil des einstigen Bestandes.
An mehreren Stellen dieses wie auch des folgenden Mauerstücks sind noch deutlich jene Lücken sichtbar, die durch das Herausnehmen der alten Wehrtürme verursacht wurden. Vom Kapuzinertor über das Hagrainer Tor hinaus bis zum Bereich des Franziskanerklosters  war der Mauer ein sehr breiter, wassergefüllter Stadtgraben vorgelagert, um dem Angreifer den Zugang zu erschweren.

Vom Hagrainer Tor aus musste eine ziemlich lange Brücke die Verbindung zur Überlandstraße herstellen, die bei der Schießstatt ihren Anfang nahm. Von einer Anzahl verschiedenartiger Wehrtürme wurde jener anschließende Mauerzug gegliedert, welcher vom Hagrainer Tor aus sich am Fuße des Hofgartens bis zum Franziskanerkloster hinzog und dann in überaus steilem Anstieg in die Burgbefestigung beim Schanzl einmündete. Die Mauer selbst steht ja, wenn zum größten Teil auch stark erniedrigt noch heute.
Vom ehemaligen Kreuzkloster der Franziskanerinnen, dem heutigen Gymnasium, ab, kann sie der Spaziergänger bis zum Schanzl hinauf verfolgen.

Ihre Abgelegenheit im verkehrsentlegenen Südosten der Stadt, hart am Fuße des Hofgartens, bewahrte sie mitsamt einem gezinnten Wehrturm vor der gänzlichen Abtragung. Der Mauerzug vom Hagrainer Tor bis zum Schanzl wird durch eine sehr alte Grenzlinie in zwei Teile gegliedert. Der Scheitelpunkt ist jene Stelle, an welcher die alte Umfassungsmauer des Franziskanerklosters in Fortsetzung der Königsfeldergasse annähernd rechtwinklig in die Stadtmauer einmündet. Die klosterzugewandte Seite dieser Mauer war schon zu Sandners Zeiten durch eine doppelte Reihe von Rundbogen-Nischen belebt. Vom Hagrainer Tor bis zu diesem Schnittpunkt war der Mauerzug durch zwei spitzhelmige Türmchen gegliedert, deren Helmansatz auf der Mauerabdachung ruhte.

Ein nächster, sehr kleiner Turm, an den sich ein winziges Wohnhäuschen anlehnte, war der Stadtmauer an jener Stelle eingefügt, an der sie mit der Klostermauer zusammentraf. In geringem Abstand davon war der Mauer ein ganz kleiner, etwas weiter davon ein größerer spitzhelmiger Wehrturm eingefügt. Der Letztere befand sich etwa an der Stelle, an welcher später die hölzernen Autogaragen, die am Prantlgarten der Stadtmauer angebaut waren, ihre Begrenzung fanden. Verdiente nicht dieses letzte, besterhaltene Stück der Stadtmauer eine ganz besonders liebevolle Pflege?

Im Bereiche des Franziskanerklosters nahm die Mauer eine grundlegend andere Form an. An die vierzig hohe Rundbogen-Nischen, von denen sich fünf erhalten haben, trugen einen geschlossenen, abgedeckten Wehrgang. Der nächste Wehrturm ist jener, der als einziger bis heute erhalten ist und uns die kunstvolle Mauertechnik der Alten zeigt. Hier sieht man noch die mittelalterlichen Zinnen, wie wir sie sonst nur noch aus Abbildungen von Bergfried-Türmen alter Burgen her kennen. Der folgende Wehrturm befand sich etwas seitlich des heutigen Hofgartentors, ein größerer, bewohnter, spitzgiebeliger Turm, der schon um 1629 abgebrochen wurde, wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Gründung des Jesuitenklosters.
Er schützte die wichtige Stelle, von der die bisher waagrechte Mauer zum steilen Anstieg in Richtung auf die Burg Trausnitz ansetzte. Dem Turm war ein kleines Haus angebaut; Mauerreste von Turm und Haus haben sich bis heute erhalten. Sie liegen zur Linken des Haupteingangs in den Hofgarten.

Ein kleines Stück burgwärts nach dem Hofgarteneingang erkennt man an den unverputzten Fugen auch noch gut die Mauer, die nach dem Abbruch des letzten Wehrturms im Bereiche dieses langen Mauerabschnittes eingefügt wurde. Dieser Turm war ähnlich dem erhaltenen nach innen zu offen, an drei Seiten mit Zinnen bewehrt, doch weniger tief als jener.
Von hier aus zieht sich die Mauer, im Jahr 1484 "unterfahren mit neuem Grund" seit der Vereinigung von Stadt und Burg zum Schanzl hinauf. Vom Schanzl bis zum Hunger- und Waffenturm am anderen Ende der Burg war die Befestigung, weil zur Burg gehörig, ganz besonders stark, doch gerade hier versagte sie im entscheidenden Augenblick: Als die Schweden am 22. Juli 1634 die Stadt vom Hofberg aus belagerten und von 6 Uhr früh bis 12 Uhr mittags die Vorburg unter Feuer nahmen, da fiel ihren Kugeln das lange Zeughaus, das sich, in die Ringmauer eingefügt, vom Waffenturm bis zum Kellergebäude erstreckte, zum Opfer. Zwei Breschen verschafften ihnen Zutritt zur Vorburg und, da die Fliehenden die Zugbrücke zur Hauptburg derart hastig anrissen, dass sie aus den Angeln fiel und nicht mehr aufziehbar war, konnten sie sich auch sogleich in den Besitz der Hauptburg setzen.
Die zahlreichen Gebäude der Vorburg, die das Sandner-Modell zeigt, sind heute fast alle verschwunden und statt des alten Zeughauses zieht sich nun, um 1640 in die jetzige Form gebracht, eine einfache Mauer vom Waffenturm zum Schwedentor und von hier zur Fragstatt.

Wenige Schritte nach diesem Türmchen setzt sich die Mauer in rechtem Winkel ab und strebt den beiden offenen Ecktürmen des äußeren Trausnitztores zu. Der Fortsetzung dieser Mauer sind nach dem mächtigen Torturm, dem Überreitertor, zwei weitere Wehrtürme eingefügt. Deren Letzterer schließt sich an den Hungerturm eng an, mit dem der malerische Wehrgang seinen Abschluss findet. Von hier aus führt die Mauer wieder steil bergab zum Pulverturm, um dann endlich in den Torturm des Burghauser Tors einzumünden. Kurz zuvor ist ihr noch ein ganz kleines Türmchen, das im Sandner-Modell als Durchgangstor dargestellt ist, eingefügt; das Ochsenklavier nähert sich ihm bis auf wenige Meter, ehe es seine Richtung in scharfem Knick verändert.

Von ganz anderer Gestalt war wiederum der folgende Mauerabschnitt, der das Huter- mit dem Münchner Tor verband. Auch der Verlauf dieses Mauerzuges lässt sich noch deutlich verfolgen, wenn auch der sehr mitgenommene Wall nur mehr ein schwacher Abglanz des alten Bestandes ist und statt der alten Wehrtürme heute Lücken gähnen. Die Mauer wählte nicht den kürzesten Verbindungsweg zwischen dem Huter- und dem Münchner Tor, sondern nützte den kleinen Höhenzug zwischen dem Klöpflgraben und der Alten Bergstraße und bezog dadurch das noch heute recht locker bebaute Gelände südlich der Alten Bergstraße ein. In Weiterführung der bisherigen Richtung setzte sich die Mauer vom Hutertor aus zunächst ein kurzes Stück nach Süden zu fort, um dann, auf dem Höhenzug angekommen, in annähernd rechtem Winkel in Richtung auf das Ottonianum abzubiegen.

Bis zu dieser Abbiegung setzte sich auch einseitig die vordere Mauer des Zwingers fort. Sie verlief somit auf ein paar Meter parallel der Hauptmauer, war aber viel niederer als jene und führte ein kleines Stück über den Knick der Hauptmauer hinaus, um dann in sehr spitzem Winkel zum Knick zurückzukehren. Wo nun die Nebenmauer den spitzen Winkel bildete, stand zu Meister Sandners Zeiten ein kleiner, achteckiger Turm, der wohl schon 1634 von den Schweden zerstört wurde, ähnlich wie das frühere Haus Nr. 160, dessen mauerwärtige Dachhälfte zum viereckigen, gezinnten Wehrturm erhöht war, da es den inneren Winkel der Hauptmauer ausfüllte. Der Mauerzug wandte sich nun der Anhöhe zu, mit welcher der geschützte Höhenzug nach Westen ausklingt.

Hart am Abhang dieses Kegels bildete die Stadtmauer wieder einen Winkel und schwang sich nun, nochmals durch zwei kleine Türmchen unterbrochen, zu dem mehrmals erwähnten Rundturm beim Hirschenwirt herab. Zwischen den beiden Winkelzügen war die Mauer wiederum nach innen zu mit hohen Rundbögen gewölbt.
Zwei Wehrtürme waren dieser Strecke eingefügt: der obere besaß ein Helmdach, den unteren bewehrten Zinnen. Und wie die obere Biegung beim Burghauser Tor war zu Sandners Zeiten auch die untere bei der Gießhütte durch einen Zinnenturm geschützt; ein unsymmetrisches Giebelhaus, das feindwärts anstelle eines zweiten Dachflügels und einer Fensterreihe mit einer hohen, nur durch sechs Schießscharten durchbrochenen Wand abschloß, vertrat die Mauer eine kleine Strecke weit. Der Bergkegel selbst bot im Mittelalter dem "Gießhaus unseres gnädigen Fürsten und Herrn" Platz; der Merianstich zeigt uns anstelle des Gießhauses das "abgebrannd Schlößl". 1839 baute der rührige Stadtmaurermeister Bernlochner die Gebäude für den Bierbräuer Bals neu auf; um 1882 wurde aus dem Balsschlösschen das Realschul-Pensionat Ottonianum, heute befindet sich dort die Jugendherberge.

Nun bleiben schließlich noch zu verfolgen die beiden letzten Abschnitte der alten Mauer, der vielgliedrige Mauerzug vom Münchner Tor zum Ländtor und von hier zum Ausgangspunkt unseres Rundganges, dem Inneren Isartor. Ähnlich wie beim Hutertor setzte sich auch beim Münchner Tor die Mauer zunächst ein kurzes Stück in der nämlichen Richtung fort, aus welcher sie vom alten Gießhaus herabgekommen war. Ein niedriger, aber desto wuchtigerer Eckturm, der sich nicht in die Mauer einfügte, sondern ihr vorgelagert war, schützte wenige Meter westlich des Münchner Tores ihre Abbiegung nach Norden. Dieser massive Eckturm ist verschwunden, doch der nächstfolgende, der uralte zweigeschossige Wasserturm, hat sich bis heute erhalten. Von hier aus wurden die städtischen Brunnen und jene Häuser mit Wasser versorgt, welche kein Quellwasser vom Hofberg erhielten. Im Sandner-Modell steht der Wasserturm noch allein;
das Brunnenhaus, das sich noch heute an seine Außenseite anlehnt, ist wohl wenige Jahre nach der Fertigstellung des Modells unter Herzog Wilhelm V. entstanden. Das Wasser wurde durch einen Kanal aus Richtung Achdorf hergeleitet und durch ein Triebwerk in die Häuser und sogar zur Burg Trausnitz empor gepumpt.

Zwischen dem Eckturm beim Münchner Tor und dem Wasserturm war die Stadtmauer sehr hoch und nach innen zu durch fünf Rundbögen gegliedert. Einige Meter nördlich des Wasserturms verringerte sich die Mauerstärke und passte sich in der Höhe den zahlreichen Zinnentürmen an, die der Mauer von hier bis nahe dem Ländtor eingefügt waren. Ähnlich dem Mauerstück zwischen dem Inneren Isartor und dem Kapuzinertor war die Mauer vom Wasserturm bis zum Ländtor durch eine Anzahl allerdings viel kleinerer, nach hinten offener Wehrtürme nach Form eines Sägeblattes gegliedert.
So folgten auf den Wasserturm zunächst acht Zinnentürme, dann ein wuchtiger Turm mit einem Helmdach und endlich, als letzte Unterbrechung der Mauer vor dem Ländtor jenes Giebelhaus, mit dem der Torbogen des Harnischhauses seinen isarwärtigen Abschluss fand. Dann mündete die hohe Mauer in den Zwinger des Ländtores ein. Der größte Teil dieses Mauerabschnitts hat sich bis heute erhalten, allerdings nur in Gartenmauerhöhe.

In ähnlich beklagenswertem Zustand finden wir jenen letzten Abschnitt vom Ländtor zum Inneren Isartor, der, hart am Isarufer gelegen, nur mehr von ein paar ganz charakteristischen Wehrbauten gegliedert wird, vom Röcklturm, dem Residenzpavillon und dem alten Schlachthaus, bis er allmählich in den Nebengebäuden des Spitals am Isarufer sich auflöst. Der eigentliche Endpunkt der Stadtmauer war das "Stadtschlaghaus", das erst vor ein paar Jahrzehnten durch den Bau des neuen Schlachthofes außer Betrieb genommen wurde. Im Sandner-Modell setzen sich die Schießscharten der Stadtmauer in diesem Gebäude, das wie ein Wehrturm der Mauer etwas vorgesetzt war, fort. Es hatte im Falle der Not die Aufgaben eines Wehrturmes zu übernehmen.

Zwischen dem Stadtschlaghaus und dem Ländtor wurde die Mauer seit alters durch zwei Türme, den oberen und den unteren Ländturm, in drei Abschnitte gegliedert.
Der untere, dem Schlachthaus nähere Turm hieß vor der Erbauung der Residenz auch Isarturm oder Fischerturm. Als um 1540 mit dem Hauptbau auch das Rückgebäude der Residenz entstand, wurde anstelle des alten Fischerturms der heutige Residenzpavillon mit dem vorgekragten Obergeschoss in die Mauer eingefügt.
Die Namen Fischerturm und Isarturm aber gingen auf den oberen Ländturm über.

Zwischen dem alten Schlachthaus und dem Inneren Isartor fand die Mauer ihre Fortsetzung nur noch in Form halbhoher Gartenmauern, welche die einzelnen Nebengebäude des Heilig-Geist-Spitals miteinander verbanden. Einige Nebengebäude reichten, wie heute noch, direkt an den Fluss heran. Das isarwärtige der drei Hauptgebäude der mittelalterlichen Spitalanlage war denn auch vermittels eines gezinnten Turmes mit dem Isartor fest verbunden.

Eine Pechnase sorgte dafür, dass niemand den Weg am Tor vorbei über das Spitalgebäude in die Stadt nehmen konnte. So erübrigte sich wohl die Mauer vom Blauen Turm zum Schlachthaus, das ebenfalls bis zum Flussufer vorsprang.