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Hagrainer Tor

Ein mächtiger Turm mit winzigen, schießschartengleichen Fenstern, die Außenmauer bis zur halben Höhe des wuchtigen Walmdachs fortführend - so dräute das Hagrainer Tor, ein Bild verhaltener Stärke, denen entgegen, welche der Stadt von Osten in unlauterer Absicht sich nahten. Teufelsturm wurde er auch genannt - ein düsteres Gefängnis muss er jenen gewesen sein, die ihre Strafe in seinen Mauern zu verbüßen hatten!

Wie seinen Nachbarn, so legten die Landshuter auch dem Hagrainer Tor im Laufe seines über halbtausendjährigen Bestehens der Namen mehrere zu. Habrantor, Habertor nannten sie es, "und ist seiner Gnaden Einreiten zu Habran herein durch Martin Weinzierls Garten ...", berichtet der Chronist vom ersten Einzug des dreizehnjährigen, in Burghausen aufgewachsenen Herzog Georg in seine spätere Residenzstadt, geschehen am Mittwoch vor Martini 1468. Seit sich um das Jahr 1520 Kapuzinerinnen in geringer Entfernung außerhalb des Tores angesiedelt hatten, nannte man es auch Loretotor. Woher aber der Name Teufelsturm kam, ist nicht erwiesen; vielleicht stammt er von dem Torwart Hans Teifl, dem das Tor um 1700 anvertraut war. Ungeklärt ist auch, ob mit der alten Bezeichnung "Tor bei St. Jobst" nicht etwa doch das Hagrainer Tor gemeint war und nicht jenes, welches zuvor schon als Fortsetzung der Franzikanermauer die Jägerstraße sperrte.
In geringerem Maße als durch seine sieben Brüder nahm der Verkehr den Weg durch das abgelegene Hagrainer Tor; ist doch die Freyung, deren Gründung im Jahre 1338 das Tor erforderlich machte, noch heute ein überaus ruhiges Viertel, gemessen am geschäftigen Treiben der Altstadt.

Nur gelegentlich wurde auch das Hagrainer Tor durch ein besonderes Ereignis in helleres Licht gerückt, so etwa, als in der Woche nach Pfingsten 1493 der erste große Wallfahrtszug der hiesigen Bürgerschaft, von Altötting kommend, durch das Hagrainer Tor feierlich seinen Einzug hielt. Klerus und Bürger eilten dem Zug - 1500 Pilger waren mit elf Priestern zum Marienheiligtum ausgezogen - entgegen und gaben ihnen das Geleit vom Tor bis nach St. Martin.

Wohl ein Dutzend Mal mussten die wehrlosen Frauen des Kapuzinerinnenklosters vor dem herannahenden Feinde hinter den schützenden Mauern des Hagrainer Tors Zuflucht nehmen, doch zumeist fanden sie ihre Behausung auch nach Zeiten der Belagerung unversehrt vor - ob der wahren Armut der frommen Frauen hatte auch der Feind ein menschlich Herz. In Friedenszeiten aber lenkten die waffenfähigen Männer der Stadt allwöchentlich ihren Schritt durch das Hagrainer Tor zur Schießstatt, dem einsamen Haus jenseits des wassergefüllten Stadtgrabens am Platz der heutigen Berufsschule. Dass auch der Scharfrichter in nächster Nähe des Hagrainer Tors wohnte, verdüsterte den Ruf des ganzen Viertels, nicht weniger das Frauenhaus. Und der Turm selbst diente an die dreihundert Jahre, bis um 1785, als düsteres Gefängnis.

Im Jahre 1862 wurden die Landshuter Stadtväter, um die Schönheit der gotischen Stadt besorgt, auch des Hagrain Tors überdrüssig und ließen es im Interesse der "Stadtverschönerung" niederreißen.