Die Entstehung der Stadtbefestigung
Wie alle Stadtgründungen der Wittelsbacher in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts war auch Landshut in Verbindung mit der Burg errichtet worden. Doch Stadt und Burg blieben zunächst baulich voneinander getrennt. Schon das älteste Landshut musste sich gegen feindliche Übergriffe sichern. Noch war es kein geschlossener Mauerkranz, sondern ein einfacher, durch einen Holzzaun bekrönter Erdwall mit vorgelagertem Wassergraben, der den emsig werkenden Bürgern Schutz gewährte. Die älteste Stadt breitete sich - den Grundrissformen nach ein Rundling - in engem Umkreis um die ältere, romanische St. Martinskirche aus. Nach Süden hin reichte sie bis zur Einmündung der Länd in die Obere Altstadt, nach Norden bis zur Steckengasse. Die westliche Begrenzung bildete die Ländgasse, die östliche Ausdehnung ist durch die zu Alt- und Neustadt parallel verlaufenden Quergässchen gekennzeichnet. Das Spital, dessen Bestehen schon 1232 urkundlich bezeugt ist, lag noch weitab der städtischen Umfriedung. Außerhalb des ältesten Stadtbereichs, im Nahensteig, durften sich die Juden ansiedeln, die an der Finanzierung des Städteneubaus wesentlichen Anteil hatten. "Es pautens im die Juden auf, die setzt er auch drein ..." schreibt Aventin in seiner Bayerischen Chronik, als er die Rede auf Herzog Otto und auf die ersten Entwicklungsjahre der Stadt Landshut bringt.
Die junge Gründung gedieh, und in der Erwartung, eines Tages mit in den Schutz der Verteidigungsanlagen einbezogen zu werden, siedelten sich viele Neubürger zwischen dem Nordrand der Stadt und den Isarbrücken beim Spital an. Die Eingliederung dieses neuen Stadtteils, der im Westen bis zur Isar reichte und im Osten die alte Grenzlinie weiterführte, erfolgte denn auch schon um die Mitte des 13. Jahrhunderts. Und um diese Zeit fing man auch an, die erweiterte Stadt anstelle des bisherigen Wall-Graben-Systems mit einer festen Mauer zu umgeben. War der erste Mauerkranz etwa schon um 1257 vollendet, da uns Abt Hermann von Niederaltaich berichtet, der Böhmenkönig Ottokar habe sich in diesem Jahr vermessen, "ante muros" - vor die Mauern der Stadt Landshut - zu ziehen?
Eine Urkunde aus dem Jahr 1280 spricht erstmals von zwei Stadttoren, von einem oberen und einem niederen. Unter dem oberen Stadttor ist offenbar das Alte Judentor gemeint, welches die Altstadt an jener Stelle nach Süden hin absperrte, an der heute noch bei einem Haus die Bögen fehlen. Für das Aussehen dieses Alten Judentores gibt es freilich keinen Anhaltspunkt mehr; noch im Mittelalter, wohl schon zu Beginn des 15. Jahrhunderts, ist es wieder aus dem Stadtbild verschwunden.
Das niedere Tor in diesem Bericht von 1280 aber war sicherlich das Spitaltor, welches einst die Altstadt nach Norden zu abschloss. Auch das Ländtor muss um diese Zeit schon bestanden haben, vielleicht auch ein Osttor, von dem uns aber jede Kunde fehlt.
Dieser ersten Stadterweiterung folgte, dem zunehmenden Wohnraumbedürfnis der Bürgerschaft entsprechend, noch zu Ende des 13. Jahrhunderts eine zweite, die Einbeziehung der Neustadt. Die östlichen Eckpfeiler dieser Stadterweiterung waren die Klöster der Dominikaner und der Franziskaner, die in den Jahren 1271 und 1280 außerhalb der Stadtmauern gegründet und erst jetzt in den Verteidigungsgürtel eingegliedert wurden. Den Altstadttoren gesellte sich ein weiteres hinzu, welches die untere Neustadt an jener Stelle gegen Norden absperrte, an der sich das Eckhaus bei der Herrngasse der Ursulinenkirche in so auffälliger Weise nähert.
Und da auch "der ganze Bereich des alten Franziskanerklosters der Stadt einverleibt wurde, hat man wahrscheinlich unter dem 1410 genannten Tor bei St. Jobst" die Fortsetzung der erhaltenen, südlichen Franziskanermauer zur Königsfeldergasse hin, beziehungsweise die Durchbrechung dieser Stadtmauer beim Eintritt der Jägerstraße in die Freyung zu verstehen. Beide Tore dieser zweiten Stadterweiterung, das untere Neustadttor und das Tor bei St. Jobst, verschwanden schon lange vor Sandners Zeiten, so dass wir auch von ihrem Aussehen keine Vorstellung mehr haben können. Noch umgaben Stadt und Burg benachbarte, aber völlig selbständige Verteidigungsanlagen.
Zur Burg gehörte damals auch der Bereich der Alten Bergstraße einschließlich des alten herzoglichen Gießhauses, des nachmaligen Balsschlößchens, dessen Platz heute das Ottonianum einnimmt. Die stadtwärtigen Eckpfeiler der Burgbefestigung waren der heute noch erhaltene Rundturm beim Hirschenwirt, der "chunigin turm", und das Eckhaus Dreifaltigkeitsplatz - Alte Bergstraße. Die lange Straßenfront dieses Gebäudes grenzte an die 1810 abgebrochene Dreifaltigkeitskirche, die vor 1450 als Judensynagoge gedient hatte. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts ging man nun daran, die herzoglichen Verteidigungsanlagen mit den bürgerlichen zu vereinigen, wodurch auch das Judenviertel und der Dreifaltigkeitsplatz in den Mauerring der Stadt einbezogen wurden. Ein gutes Stück südlich des alten Judentores, bei dem erwähnten Rundturm beim Hirschenwirt, entstand nun das neue Judentor, das Münchnertor. Weiterhin verlegte man nun die Einmündung der Burghauserstraße durch die Anlage der Alten Bergstraße in die Stadt hinein. Vordem führte die Burghauserstraße seitlich am Burgbereich vorbei und fand mit dem Klöpflgraben bei der heutigen Ludwigshöhe Anschluss an die Münchnerstraße. Wo nun der neu angelegte Straßenzug den Mauergürtel der Burg kreuzte, entstand das Burghauser Tor.
So waren nun um das Jahr 1320 Burg und Stadt baulich vereinigt und von einem gemeinsamen Mauerkranz umgeben. Da die Burg dabei viel Grund und Rechte an die Stadt abzutreten hatte, liegt es nahe, diesen Vorgang mit der Schlacht bei Gammelsdorf vom Jahre 1313 in Verbindung zu bringen, die den Herzog den Bürgern gegenüber zu Dank verpflichtet hatte. Gewiss war diese Vereinigung auch eine Maßnahme gegen die allgemeine Unsicherheit der Zeit.
Die vierte Erweiterung des Stadtgebietes, die Gründung der Freyung, ist insofern von besonderem Interesse, als ihr Zeitpunkt genau bekannt ist. Am Palmtag des Jahres 1338 beurkundet Herzog Heinrich der Ältere, dass er in Anerkennung der treuen Dienste, welche die Bürger ihm und seinen Vorfahren erwiesen hatten, die Stadt mehren, weiten und breiten wolle. Im neuen, östlichen Stadtteil errichtete man nun zu Ehren des Hl. Jobst, dessen Gebeine man kurz zuvor aus Nordfrankreich übertragen hatte, eine Kirche. Die Stadtmauer, die zum Schutz der Freyung errichtet werden musste, führte die bergseitige Franziskanermauer fort bis in die Gegend der ehemaligen Gaststätte Bürgerstube. Die Straße, welche die Freyung nach Osten zu verlässt, wurde durch das Hagrainer Tor abgesperrt. Fünf Wochen nach Ausstellung des Stiftungsbriefes, am 12. Mai 1338, kamen Herzog und Bürger wegen des Baues eines breiten und tiefen Stadtgrabens überein. Innerhalb von drei Jahren, im Falle der Not aber früher, sollte der neue Graben, der die Stadt nach Osten hin abschloß, fertig gestellt werden. Durch ein Streichwehr in der Nähe des heutigen Maxwehrs wurde er mit Wasser gefüllt. Eine fünfte und letzte Erweiterung erfuhr das ummauerte Stadtgebiet um die Mitte des 14. Jahrhunderts. Die nördliche Grenze der Stadtmauer hatte bislang der Spittelturm, die Heilig-Geist-Gasse und das untere Neustadttor gebildet; das Heilig-Geist-Spital lag noch außerhalb des Mauerkranzes.
Um das Jahr 1350 oder 1360 schob man die Wehr auch an dieser Stelle bis zum Isarufer vor. Das hierdurch neu gewonnene Stadtgebiet wurde nun, wie das Sandner-Modell deutlich zeigt und auch heute noch erkennbar ist, ein Stadelviertel.
Am stadtwärtigen Isarufer entstanden nun zwei neue Stadttore, das Kapuzinertor und das Innere Isartor, der Blaue Turm. Diese spätere Einbeziehung des Spitalgebietes in den Befestigungsgürtel macht das Nebeneinander zweier Stadttore auf engem Raum, des älteren Spittelturms und des jüngeren Inneren Isartores, verständlich.
Der Hauptanteil an der Erstellung dieses großen Gemeinschaftswerkes entfiel somit auf das 14. Jahrhundert und von den acht Stadttoren des Sandner-Modells fehlte nach dieser fünften Stadterweiterung von 1360 nur noch eines, das Äußere Isartor. Dieses Tor folgte den übrigen mit sehr großem zeitlichem Abstand nach.
Erst 1494 wurde es neben St. Sebastian zum Schutze der Vorstadt Zwischenbrücken erbaut, ohne allerdings jemals in den Mauerring einbezogen zu werden. Um die nämliche Zeit mag auch das zweite Tor auf der Flussinsel, das Sautörl, zur Überwachung des anderen Zugangs in das Zweibrückenviertel über den Sausteg her entstanden sein.
Zu Sandners Zeiten, zu Ende des 16. Jahrhunderts, hatte das Schießpulver den Mauerwällen der bewehrten Städte schon allerorten ihr ferneres Schicksal angekündigt.
Nichtsdestoweniger leistete die Landshuter Wehr noch jahrhundertelang gute Dienste, in Kriegsfällen sowohl wie insbesondere auch als Schutz gegen das nächtliche Eindringen unerwünschten Gesindels. Für jedes der Tore hatte jeweils eine Woche lang ein Bürger die Verantwortung des nächtlichen Abschließens zu übernehmen. Beim abendlichen Sperrläuten holte er den Schlüssel beim amtierenden Bürgermeister, ließ das Tor sperren und hinterlegte den Schlüssel die Nacht über beim Torwart, um ihn dann frühmorgens nach der Öffnung des Tores wieder ins Rathaus zurückzubringen. Im Übrigen gehört diese Sitte des abendlichen Torschließens noch nicht ganz der Vergangenheit an: das mächtige Überreitertor vor dem Wehrgang zur Burg Trausnitz wird auch heute noch jeden Abend vom Torwart abgesperrt. Im Mittelalter konnte die Landshuter Stadtbefestigung als nahezu unüberwindlich gelten.
Und auch ihre größte Bewährungsprobe im Zeitalter des Schießpulvers, den Schwedenansturm vom 22. Juli 1634, hätte sie ganz gewiss rühmlich bestanden, wären nicht die Landshuter selbst so uneins und eigennützig gewesen, hätte nicht Verrat es den Schweden leicht gemacht, sich über die Burg Zugang zur Stadt zu verschaffen.
Ein letztes Mal noch sollte sich der altersschwache Mauergürtel zur Napoleonischen Zeit bewähren. Der Feind hatte ein ordentliches Maß an Pulver zu laden, ehe die schwereichenen Torflügel der Isartore zersplitterten. Doch von nun an gönnte man den Stadttoren ihr Gnadendasein nicht länger: Hatte man schon um 1770 das uralte Spitaler Tor wegen Baufälligkeit abgebrochen, so musste nun auch das benachbarte Innere Isartor, der Blaue Turm, durch die Kanonade vom 21. April 1809 zur Ruine geschossen, aus dem Stadtbild weichen.
Um 1810 verschwand auch das Kapuzinertor, 1853 das Äußere Isartor, 1862 das Hagrainer Tor und 1874 endlich das Münchner Tor. Das Burghauser Tor aber hatte man schon 1810 bis auf die beiden unteren Stockwerke des Torturms abgebrochen; der Torturm des Ländtores verschwand 1852 aus dem Stadtbild.










