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Landshuts Stadtbefestigungen

Die Basis für dieses Kapitel ist dem Aufsatz "Landshuts Stadtbefestigungen nach dem Sandnermodell 1571" von Dr. Hans Bleibrunner entnommen.

Vorwort

Zeichnung: Franz Högner

"Landeshuet: Dieses ist ein überaus herrliche Stadt, ein Augapfel des Niederbayerns, ein Zierd und Kleinod des Adels, ein Sitz aller Fruchtbarkeit und des gesundisten Lufts, ja ein Palast der Justiz. Sie liegt in dem Bistum Freising und rauschet der Iserstrom an ihren Häusern vorüber ..." solch Lob über unsere Vaterstadt verbreitete vor fast dreihundert Jahren Anton Wilhelm Ertl in seinem "Churbayerischen Atlas", dessen erste Auflage im Jahr 1687 zu Nürnberg die Druckerei verließ.

Und bis zum heutigen Tag währt das Lob über die Schönheit unserer Stadt; selten atmet ja das Bild einer Siedlung bis in unsere Tage in gleichem Maße den Geist des hohen und späten Mittelalters, jener Zeit des glanzvollen Aufstiegs unserer heimatlichen Kultur. In einer für uns kaum vorstellbaren, ja geradezu unverständlichen Kraftentfaltung bekrönten die Früheren ihr und unser Landshut mit dem höchsten Ziegelturm der Erde. Just war er fertig, stolzer noch als die Burg, als nach dem goldenen Jahrhundert mit dem Tode des letzten der reichen Herzöge für Landshut eine neue Zeit anbrach.
Was jedoch die Einheit des mittelalterlichen Gemeinwesens ausmachte, das war der starke, turm- und torbewehrte Mauerring. Wie nur wenige Städte in weitem Umkreis besaß Landshut eine überaus schöne, reich gegliederte Befestigungsanlage, einen mächtigen, durch breite Wassergräben gesicherten Mauerwall, der Stadt und Burg zu einer Einheit verband. Welcher Unverstand, der die acht kunstvollen Stadttore bis auf zwei Bruchstücke niederreißen, den Wall seiner vielen Wachtürme berauben und die Mauer so gänzlich verkommen ließ! Wie viele andere Versündigungen auf dem Gebiet von Kunst und Siedlung gehen auch diese Untaten auf das Schuldkonto des 19. Jahrhunderts. Gewiss, die Tordurchfahrten waren eng und wurden dem modernen Verkehr allmählich zum Hindernis. Doch die Verkehrsprobleme hätten fürwahr auf eine etwas geistvollere Art gelöst werden können, als durch den Abbruch der Tore, die jahrhundertelang der Stadt zum Schutz, später dann zur Zierde und den Fremden zur Bewunderung gereichten!
Wie wäre unsere Stadt in ganz anderem Maße, als sie es gegenwärtig noch ist, ein Anziehungspunkt für Bewunderer mittelalterlicher Gemeinschaftsleistungen, hätte sie nicht die Torheit unfähiger Stadtvorsteher in beschämender Kurzsichtigkeit dieser einzigartigen Zier beraubt! Der zu Beginn des 19. Jahrhunderts unter dem Einfluss - der Säkularisation vorgebrachte Antrag eines Einflussreichen, auch den Martinsturm niederzulegen, liegt nicht weit entfernt von solchem Tun.

Nur noch Reste des wehrhaften Mauerrings, der den Städter früherer Zeiten zum Zusammenhalte erzog, haben sich bis in unsere Tage herein gerettet. Wie die Befestigungsanlagen im Mittelalter ausgesehen haben, wissen wir bis auf die Einzelheiten genau. Das schönste und anschaulichste Bild von der alten Herrlichkeit vermittelt uns das ungemein genaue hölzerne Stadtmodell des Straubinger Drechslermeisters Jakob Sandner, welches um 1571 entstanden ist und im Bayerischen Nationalmuseum in München aufbewahrt wird. Eine sehr gute Kopie dieses kunstvollen Modells, von den Herren Weinzierl und Linse wurde zwischen 1932 und 1934 in verdienstvoller Arbeit gefertigt, verwahrt das Landshuter Stadtmuseum. Auch zahlreiche alte Stiche zeigen uns den früheren Bestand an Türmen und Toren, am deutlichsten vielleicht die gemeinhin als Merianstich bekannte, um 1644 von Peter Fischer im Auftrag des Matthäus Merian gezeichnete Stadtansicht. Doch keiner von all den vielen Stichen gibt auch nur annähernd ein so genaues Bild wie das Sandner-Modell. Genau, wenn auch nur im Grundriss, gibt der alte Katasterplan von 1811 den mittelalterlichen Bestand der Befestigungsanlagen wieder, ausgenommen die beiden Tore nächst der Spitalkirche, die seinerzeit schon abgebrochen waren.

Ist auch die alte Herrlichkeit, die - wäre sie erhalten geblieben - der Stadt zum größten Ruhm gereichen würde, heute fast verschwunden, so mag sich doch der Landshuter wenigstens an Hand von Bild und erklärendem Wort der alten Wehr seiner Vaterstadt besinnen. Vielleicht verfolgt er denn auch in einer ruhigen Stunde ihren alten Verlauf und vergegenwärtigt sich den einstigen Bestand. Diesem Zweck, den Leser für eine Weile in das Mittelalter zu entführen, will diese kleine Schrift dienen. Sie will zugleich warnen, dass - wie es leider bisweilen immer noch zu geschehen pflegt - mit zu wenig Pietät Gebäude aus alter Zeit augenblicklichen Interessen gefügig gemacht oder der Verwahrlosung anheimgegeben werden: Die Probleme müssen anders gelöst werden als durch Abbruch oder Veränderung von Bauwerken, die einer Zeit entstammen, in der das natürliche Gefühl für die Harmonie des Siedlungsbildes noch Allgemeingut war, in der noch nicht Profitgier das Bild der Kulturlandschaft entstellte.

Nur allzuschnell ist einem Augenblicksinteresse ein Gebäude, eine Toreinfahrt, ein weiteres Stück der spärlichen Reste der Stadtbefestigung geopfert und damit ein charakteristisches Stück Alt-Landshut für immer verloren.