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"Nur Not gab es im Überfluss"

Siegerurkunde Seifenkistlrennen 1950 in Landshut, 105. Sieger Josef Deimer
Siegerurkunde Seifenkistlrennen 1950 in Landshut, 105. Sieger Josef Deimer
Siegerurkunde Münchner „GYA“ Tischtennismeisterschaft 1952 in München 3. Preis im Einzel/Schüler Josef Deimer
Siegerurkunde Münchner "GYA" Tischtennismeisterschaft 1952 in München 3. Preis im Einzel/Schüler Josef Deimer
Programm für Football-Spiel, 4th Armored Division gegen 80 th Infantry Division am 4.11.1945 in Landshut
Programm für Football-Spiel, 4th Armored Division gegen 80 th Infantry Division am 4.11.1945 in Landshut
Programmrückseite
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von Josef Deimer

Nur Not gab es im Überfluss und Tausende von Flüchtlingen und Vertriebenen hausten in Notunterkünften oder waren auch in Landshut irgendwo einquartiert worden. Auf dem Land hatten die Menschen mehr zu essen, weshalb die Städter hinausfuhren und oft ihren Familienschatz gegen Naturalien vertauschten. Mit der amerikanischen Besatzung öffneten sich 1945 die Fenster zur Welt auch in Bayern. Eine zentrale Rolle in dieser Aufbruchstimmung übernahmen amerikanische Besatzungsoffiziere. Viele von ihnen waren deutscher Abstammung, hatten in Deutschland studiert und konnten mit ihren Sprachkenntnissen das neue Denken vermitteln. Die Politik der Entnazifizierung und Umerziehung zu einer demokratischen Tradition sollte mit den Gedanken und Konzepten aus den USA ein tragfähiges Fundament für die Zukunft schaffen.

Sport als Bestandteil der Kultur wurde zum Experimentierfeld. In allem lautete die Aufgabe: Wie lernt man Demokratie? Somit war auch in diesem Fall Sport ein Politikum. Er ist es und gehört dazu, er ist auch dann ein Element der Politik, wenn er von der Politik ablenken soll. Sport gehört zu unserer Gesellschaft. Die Prinzipien der Arbeitswelt, Planung, Rationalität, Konkurrenz und Erfolg – es kann nicht anders sein – die Prinzipien des Sports.
Was liegt näher, als dieses "learning by doing" gewissermaßen im Spiel zu gewinnen. Versöhnung mitten im Streit, im heftigen Wettbewerb, lautet die Devise.

Die Organisation des Sports im Alltag konnte noch nicht von der Stadtverwaltung übernommen werden. Die jeweils durch die Besatzungsmacht eingesetzten Oberbürgermeister waren zwar die einzigen Entscheidungsträger der kommunalen Politik – wenn man überhaupt so formulieren darf – sie hatten aber kaum nennenswerte Befugnisse. Das Misstrauen auf beiden Seiten war groß; die kurzen Amtszeiten belegen dies:

  • Dr. Dominik Costa von 01.05.1945 bis 03.05.1945
  • Hugo Wittmann von 03.05.1945 bis 26.06.1945
  • Felix Meindl von 28.06.1945 bis 29.09.1945
  • Hans Hubert Dietzsch von 03.10.1945 bis 09.08.1946

Der erste nicht direkt, aber vom Stadtrat nach dessen erster freier Wahl gewählte Oberbürgermeister war ab 14. 06.1946 Josef Gallmeier, der aber erst nach Genehmigung der amerikanischen Militärregierung am 10. 08. 1046 sein Amt antreten konnte. Er amtierte bis 19. 07. 1948, um dann Albin Lang den Platz zu räumen, der nach den Vorschriften der damaligen Gemeindeordnung ebenfalls vom Stadtrat gewählt wurde.
Die Selbstverwaltung war eben noch in den Kinderschuhen und die Struktur demokratischer Beteiligung mussten – wie gesagt – erst entwickelt werden. Die von der Militärregierung zunächst beschlagnahmten Sportplätze standen nicht mehr zur Verfügung, wenngleich neue Einrichtungen für GYA (German Youth Association) geschaffen wurden. Manchmal wurden auch Sportler zum Tischtennis-Wettbewerb in das Offizierscasino eingeladen (Pinder-Kaserne – früher Schochkaserne). Das Domizil der GYA wurde die zum Bernlochner gehörende Jägerhalle. Auf diesem beliebten Jugendtreff steht heute das Kaufhaus Karstadt. Später siedelte das Deutsche Jugendwerk-GYA in die TGL-Turnhalle um. In dieser Zeit wurden uns viele neue Sportarten nahe gebracht, die eine hohe Popularität erreichten. Ich denke dabei weniger an Baseball, Rugby und American Football – das "ovale Ei" war eher unpraktisch – als an Basketball, Badminton, Tischtennis, Boxen, Modellflug und an das Schachspiel. Sehr früh kam die Jugendarbeit der Kirchen auf die Beine und die GYA organisierte gemeinsam mit dem Kreisjugendring Landshut-Stadt Wettbewerbe und Ausflüge mit den Trucks der amerikanischen Armee. Die Eigenkräfte erwachten überall, vor allem die Landshuter Vereine bemühten sich um ihre Lizenzen und erreichten dies schon gegen Ende des Jahres 1946. Überall erwachte der Spieltrieb und die Fantasie und Kreativität kannte keine Grenzen. So erinnere ich mich nicht nur gerne an die ersten Punktspiele der Fußballer und Handballer (Feldhandball), sondern auch an Box- und Ringkämpfe in der Viehmarkt- und Jägerhalle, an Grasbahnrennen in der Flutmulde, an Radrennen im Rundkurs an der Luitpold-, Papierer-Dammstraße und an das Kolbeck-Eis am Rennweg. Vor allem war uns kein Weg zu weit, wenn ich mir die Strecke zum damaligen Fußballplatz der "Spiele" am Hammerbachweg vorstelle. Er führte erst einmal hinaus zur Fähre von Strohmeier an der Isar in Achdorf, um dann zu warten, und auf das linke Ufer überzusetzen. Der später bevorzugte, wenngleich verbotene Gang über die Eisenbahnbrücke, war noch nicht möglich, weil die Brücke, im Krieg zerstört, im Flussbett lag. Und es gab immer wieder neue Ideen für sportliche Aktivitäten, wenn ich an die Matches "Links der Isar gegen Rechts der Isar" denke, an den Staffellauf "Rund ums Rathaus", an die Seifenkistlrennen, aber auch an den Stadtteil-Fußball, vornehmlich in der "Flugge" ausgetragen. Der Straßenfußball war in höchster Blüte und einen echten Lederball oder gar Fußballschuhe zu besitzen, ließ einen Buben als Krösus aussehen. Die Ablenkungen im Freizeitangebot waren nicht überwältigend.
Fernsehen gab es nicht und die Tageszeitung war neben dem Radio die einzige Informationsquelle, um das begehrte Allgemeinwissen über Sport und vom Fußball zu bekommen. Dies erklärt, dass viele von uns das Zeitungslesen im Sportteil beginnen und bei den Sportnachrichten den Rundfunk-Reporter Sepp Kiermeier noch im Kopf haben.
Wenn wir die Fragen nach der Faszination des Sports stellen, gehen die Antworten in Richtung extremer körperlicher Leistung, Spannung des Wettbewerbs oder gar Sehnsucht nach Schönheit und Vollendung. Dieses Buch von Alois Schloder stellt die gemeinschaftsstiftende Funktion des Sports im Leben einer Stadt in den Vordergrund und erreicht damit eine Antwort, die alle überzeugen kann.

Stadtstaffellauf rund ums Rathaus 1954 Mannschaft Spielvereinigung Landshut Stabübergabe von Josef Deimer an Helmut Meier
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„Kinderspielplatz“ bei der Turngemeinde Landshut an der Wittstraße
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