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Sportberichterstattung in früherer Zeit

Wenn man in den alten Zeitungsbänden der Landshuter Zeitung blättert, so sucht man bis in das Jahr 1920 vergeblich nach einem Sportteil, ja, nicht einmal in den Dreißigerjahren findet man in den jeweiligen Impressa einen eigenen Sportredakteur.
Das hat durchaus plausible Gründe, denn Sport bestand vor dem 1. Weltkrieg vornehmlich aus Freibaden, Wandern und dem Schützenwesen. In der Mitte des 19.Jahrhunderts kam dann das Turnen dazu. Dies wiederum ging aus dem seit den Befreiungskriegen neu gewachsenen Volks- und Staatsbewusstsein hervor. Der deutsche Turngeist mit seinen
Grundsätzen eines "FFFF" (frisch, fromm, fröhlich, frei) fand seine zahlreichen Anhänger, die sich auch in den Vereinen organisierten und sich bei den regionalen und überregionalen Turnfesten trafen. Auch Landshut stand da nicht zurück und so waren die hier abgehaltenen Turnfeste auch nach heutigen Maßstäben ausgesprochene Großereignisse, über die die Landshuter Zeitung in ihrem lokalen Teil ausführlich berichtete. Ein erstes Großereignis dieser Art was das Turnfest, das am 15. August 1861 hier stattfand. Bei diesem Fest ist bemerkenswert, dass die Ergebnisse der Turnwettbewerbe fast zweitrangig veröffentlicht wurden. Im Vordergrund stand die Demonstration des Turnergeistes und dessen vaterländische Bedeutung. Da wurde mit Marschmusik zum Veranstaltungsort, der Klötzlmühle, ausgezogen. Dann wurden zuerst einmal Reden geschwungen, über deren Inhalt am besten ein Zitat aus dem Bericht der Landshuter Zeitung vom 17. August 1861 einigen Aufschluss gibt.

Postkarte Landshut, "Gruß von der Klötzlmühle" Ausflugsort mit Biergarten 1898
Postkarte Landshut, "Gruß von der Klötzlmühle" Ausflugsort mit Biergarten 1898

Es heißt dort u.a.:
Das Fest eröffnete der Vorstand der hiesigen Turner
mit einer Rede, in der er die fremden Gäste
begrüßte und den Werth des Turnens kurz
andeutete. Nicht bloß die Wehrkraft des Volkes
und des Einzelnen erhöhe das Turnen, sprach er
sondern auch der Geist gewinne dabei. Nur in
einem gesunden Körper wohne auch eine gesunde
Seele, sei ein alter Satz. Das Turnen lasse
kühn dem Feinde ins Auge blicken, den Nacken
nicht der Willkür beugen und schaffe ein Herz
fürs Vaterland. Des Turners Vaterland sei aber
nicht bloß die Scholle, auf der seine Wiege stand,
sondern reiche, soweit die deutsche Zunge
reicht. Darum wehe auf dem Festplatze neben
der blauweißen die schwarzrotgoldene Fahne.
Ein dreifach Gut Heil auf das deutsche Vaterland,
auf die Turnerei und die fremden Gäste schloss
die warmgesprochene Rede.


Dem Verfasser des Berichts erschien es auch der Erwähnung wert, dass bei diesem Turnfest 80 Eimer Bier verbraucht wurden. Umgerechnet in heutige Maßeinheiten waren das 5.472 Maß Bier. Auch hier stellten also Turner und Besucher ihren Mann. Das war 1861.
Ein weiteres Großereignis, über das die Landshuter Zeitung vom 5. Juli 1896 berichtete, war das VII. Niederbayerische Bezirksturnfest, verbunden mit dem 35. Gründungsfest des Turn-Vereins Landshut, der heutigen Turngemeinde. Die Landshuter Zeitung begrüßte die Teilnehmer auf der Titelseite mittels herausgehobenen Drucklettern mit dem Wortlaut:

"Die Söhne Jahns seien uns in der alten Herzogstadt trotz Wind und Wetter herzlich willkommen."

Das Fest dauerte von Samstag bis Montag, wobei am Samstag der Turntag, also die Versammlung der Vereinsdelegierten mit den üblichen Wahlen der Funktionäre sowie ein Empfangsabend, "Herrenabend" genannt, stattfand. Auch hier wurden wieder Reden gehalten, welche ohne Ausnahme mit einem dreifachen "Gut Heil" ihren jeweiligen Abschluss fanden.

Offizielle Festpostkarte XI. Bayerisches Bundesturnfest in Landshut 20.-23. Juli 1901 mit Prinzregent Luitpold, Prinz Ludwig und Turnvater Jahn. Protector war seine koenigl. Hoheit Prinz Ludwig von Bayern.
Offizielle Festpostkarte XI. Bayerisches Bundesturnfest in Landshut 20.-23. Juli 1901 mit Prinzregent Luitpold, Prinz Ludwig und Turnvater Jahn. Protector war seine koenigl. Hoheit Prinz Ludwig von Bayern.
Turnfest 1901 Uebersicht des Festplatzes (Grieserwiese)
Turnfest 1901 Uebersicht des Festplatzes (Grieserwiese)
Turnfest 1901 Festabzeichen
Turnfest 1901
1901 Festzeichen zur Turnredoute im Bernlochnesaal
Festabzeichen
1901 Festzeichen zur Turnredoute im Bernlochnesaal

Der Sonntag blieb den Turnwettbewerben vorbehalten. Fast schon selbstverständlich gehörte zum Fest auch ein Festzug, an dem 41 Vereine teilnahmen. Ein Varieteprogramm beschloss den Tag. Hier hatten ausgewählte Vereine und Riegen Gelegenheit, ihr Können im Turnen und in der Akrobatik zu zeigen. Beliebt waren zu dieser Zeit auch die so genannten Marmorgruppen, bei denen Standfiguren gebildet wurden.
Die Berichterstattung schließt mit zwei erfreulichen Feststellungen: Das Fest brachte kein Defizit für den Veranstalter. Dazu trug u.a. der Verkauf von Feldpostkarten bei, von denen insgesamt 30.000 Exemplare verkauft werden konnten. Hier spielt der Druckfehlerteufel dem Verfasser einen
Streich: Es musste wohl heißen "Festpostkarten". Die zweite erfreuliche Nachricht für den Veranstalter war die auch hier reportierte Menge des verbrauchten Bieres, die mit 62.000 Maß festgestellt wurde. Am Verkauf des köstlichen Getränks partizipierte mit Sicherheit auch der Veranstalter.
Das Fest schloss am Montag mit Stadtbesichtigungen, einem Frühschoppen mit Musik im Cafe Fischer und einem nachmittäglichen Gartenfest bei der Klötzlmühle.
Ein absoluter Höhepunkt der Turnfeste war aber im Jahre 1901 das Bayerische Bundesturnfest auf der Grieserwiese. Schon im Vorfeld dieses Festes berichtete die Landshuter Zeitung mehrmals und ausführlich über die organisatorischen Vorbereitungen durch den Festausschuss. Die Stadt unterstützte den Festausschuss mit einem Zuschuss in Höhe von 5.000 MK, für die damaligen Verhältnisse ein ansehnlicher Betrag. In den Ausgaben der Landshuter Zeitung vom 2. und 17. Juli 1901 wird über weitere organisatorische Einzelheiten berichtet. So wurden Sonderzüge aus ganz Bayern angekündigt, in Schulen Massenquartiere eingerichtet und die Hauseigentümer zum Festschmuck ihrer Häuser aufgefordert. Erwähnenswert erschien dem seinerzeitigen Redakteur auch die Tatsache, dass die Militärmusik von ihrer obersten Instanz die Erlaubnis erhalten hatte, in Uniform zu spielen!
Die Ausgabe der Landshuter Zeitung vom 20./21. Juli 1901 brachte auf der Titelseite Willkommensgrüße zahlreicher Honoratioren sowie ein Festgedicht. Die Berichterstattung war für diese Zeiten ausgesprochen ausführlich. Die Zahl der Teilnehmervereine wurde mit 204 angegeben, was fürs Erste noch nicht die Zahl der Teilnehmer beziffert. Man kann hier aber die Landshuter Stadtchronik Weber/Marschall zu Hilfe nehmen, in der auf Seite 212 von einer Teilnehmerzahl von 12.000 (!) berichtet wird. Festzug, Feuerwerk und Stadtbesichtigungen rundeten das Fest ab.
Bei den Ergebnissen taucht auch ein Landshuter Name auf. Unter 216 Turnern im Einzelturnen belegte Robert Poller einen hervorragenden 5. Platz. Bei allen diesen Berichten über die großen Landshuter Turnfeste zeigte sich also die Landshuter Zeitung voll auf der Höhe und den Anfängen einer Sportberichterstattung durchaus gewachsen.

Postkarte Niederbayerbayerische Kreis-Industrie- und Gewerbeausstellung 1903 mit der Turnhalle des Männer-Turnvereins Landshut
Postkarte Niederbayerbayerische Kreis-Industrie- und Gewerbeausstellung 1903 mit der Turnhalle des Männer-Turnvereins Landshut
Der bekannte Blick vom Klausenberg auf die Stadt Landshut, um 1870. Die Achdorfer Eisenbahnbrücke wurde erst 1881/82 erbaut; vorne rechts das Zollhaus.
Der bekannte Blick vom Klausenberg auf die Stadt Landshut, um 1870. Die Achdorfer Eisenbahnbrücke wurde erst 1881/82 erbaut; vorne rechts das Zollhaus.

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