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Über hundert Jahre Turnbewegung in Landshut

Die Turnbewegung gehört zumindest im deutschsprachigen Raum zu den wichtigsten sporthistorischen Erscheinungen des 19. Jahrhunderts. Ihr Begründer war der Berliner Pädagoge Friedrich Ludwig Jahn. Nachdem Preußen 1806 als letzter deutscher Staat unter französische Herrschaft geraten war, wurde Jahn zu einem leidenschaftlichen Vertreter der Bildungsideen des Philosophen Gottfried Fichte. Dessen Ziel war die Rettung der deutschen Nation durch die Erziehung der Jugend zu allseits gebildeten und dem Vaterland verbundenen Bürgern. Diese Erziehung hatte nach Jahns Auffassung bei der körperlichen Ausbildung anzusetzen. Er konzipierte ein in vieler Hinsicht neuartiges System der Leibesübungen und verwendete dafür die Bezeichnung "Turnen".

Um das Turnen allen Gesellschaftsschichten und allen Altersstufen zugänglich zu machen, sollte es auf öffentlichen Turnplätzen betrieben werden. Der Katalog der Übungsformen war vielseitig und umfasste neben natürlichen Bewegungsformen wie Laufen, Springen, Werfen und Schwimmen auch Gewandtheitsübungen an verschiedenen Geräten sowie Wasserspringen, Fechten und kleine Spiele. Turnen für die weibliche Jugend war in Jahns Konzept noch nicht vorgesehen.

1811 errichtete Jahn auf der Berliner Hasenheide seinen ersten Turnplatz. Um in den Turnern die Liebe zum Vaterland zu wecken, wurde der Übungsbetrieb mit nationalen Ansprachen und patriotischen Gesängen umrahmt. Bald entstanden nach dem Berliner Modell auch in anderen preußischen Städten Turnplätze. Bayern wurde von dieser Entwicklung zunächst noch nicht berührt. Die Befreiungskriege von 1813 bis 1815 beendeten die Zeit der napoleonischen Herrschaft. Viele Turner waren mit Jahn als Freiwillige in den Krieg gezogen. Nach ihrer Rückkehr begann für die Turnbewegung eine Phase des großen Aufbruchs.

Das Turnen griff jetzt über Preußen hinaus. Auch in Bayern bildeten sich erste Turngemeinschaften. Die frühesten Zeugnisse stammen aus den Universitätsstädten Erlangen und Würzburg. Nach den Befreiungskriegen wurde die europäische Staatenwelt auf dem Wiener Kongress (1814/15) neu geordnet. Doch für die vaterlandsbegeisterte Jugend, insbesondere für die Turner, war das Ergebnis eine große Enttäuschung. Ihre Hoffnung auf einen gesamtdeutschen Nationalstaat und auf politische Mitbestimmung hatte sich nicht erfüllt. Zusammen mit den akademischen Burschenschaften entwickelte sich die Turnbewegung in kurzer Zeit zu einer radikalen Opposition.

Die Regierungen der einzelnen deutschen Staaten reagierten ab 1820 mit der Sperrung der Turnplätze und der Auflösung der Turngemeinschaften. 1824 kam es auch in Bayern zum Turnverbot.

Erinnerungskrug an Friedrich Ludwig Jahn
Erinnerungskrug an Friedrich Ludwig Jahn

1825 bestieg Ludwig I. den bayerischen Königsthron. Als glühender Verehrer
des antiken Griechentums und seiner Leibeskultur war er vom Niedergang des Turnens besonders betroffen. Er hob deshalb bereits 1826 in Bayern das Turnverbot wieder auf, wobei allerdings das gesamte Turnwesen unter strenge behördliche Kontrolle gestellt wurde. Eine ideale Lösung sah der König in der Errichtung von Turnplätzen, die direkt der Regierung unterstellt waren. In diesem Sinne wurde 1828 in München auf dem Oberwiesenfeld eine "Königliche öffentliche Turnanstalt" gegründet.

Sie sollte der gesamten turnfähigen Jugend vom Volksschüler bis zum Studenten, aber auch Erwachsenen Gelegenheit zu regelmäßiger Leibesübung bieten. Die Teilnahme von Frauen war zunächst nicht vorgesehen. Die Ausstattung der Anlage und die Organisation des Turnbetriebs erfolgte ganz im Sinne Jahns. Zu den Einrichtungen gehörten neben Kletter- und Turngeräten auch Lauf- und Sprunganlagen sowie Plätze für Turnspiele. Mit der Leitung der Anstalt wurde Ferdinand Maßmann, ein enger Mitarbeiter Jahns, beauftragt.

Postkarte Gruß vom XI. bayer. Turnfest in Landshut vom 20.- 23. Juli 1901
Postkarte Gruß vom XI. bayer. Turnfest in Landshut vom 20.- 23. Juli 1901

Nach Aufhebung des Turnverbots hatten sich die Turner vielerorts wieder zu mehr oder weniger lockeren Gemeinschaften zusammengeschlossen. Trotz aller Bemühungen aber gelang es den Behörden auf Dauer nicht, von diesen Gemeinschaften politische Tendenzen fernzuhalten. Aus Ordnungsgründen kam es immer wieder zu strengen Maßregelungen. Erst mit Beginn der 40er Jahre beruhigte sich die politische Szenerie. Eine Welle der Liberalisierung, ausgehend von Preußen, führte jetzt häufig zur Gründung regelrechter Turnvereine. Zu den ersten Vereinen in Bayern gehörten der TV Nürnberg (1846) und der TV Augsburg (1847). 1848 wurden die Turngemeinde Würzburg und der TV München ins Leben gerufen. Vereinzelt durften sich jetzt auch Frauen und Mädchen am Turnen beteiligen.

 

Darstellung von Turngeräten in Jahns Schrift „Die Deutsche Turnkunst" von 1816. Auch bayerische Turnplätze wurden nach diesem Muster ausgestattet.
Darstellung von Turngeräten in Jahns Schrift "Die Deutsche Turnkunst" von 1816. Auch bayerische Turnplätze wurden nach diesem Muster ausgestattet.
Postkarte Deutscher Schulverein 1880 mit Turnvater Friedrich Ludwig Jahn
Postkarte Deutscher Schulverein 1880 mit Turnvater Friedrich Ludwig Jahn
Erinnerungskrug XI. bayerisches Turnfest in Landshut 1901 (links), Turnerkrug um 1900 (rechts)
Erinnerungskrug XI. bayerisches Turnfest in Landshut 1901 (links), Turnerkrug um 1900 (rechts)
Turnerkrüge um 1900, Gut Heil - Frisch - Fromm - Fröhlich - Frei
Turnerkrüge um 1900, Gut Heil - Frisch - Fromm - Fröhlich - Frei

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